Warum “Wo stehe ich ?” und warum “Was will ich ?”

Plan = Form
Es geht darum einen Plan zu haben. Der Plan “Wo stehe ich? Was will ich?” ist mein Plan. Er zeigt meine Position auf. Er ist kein historisches und kein wissenschaftliches Dokument und es geht nicht um Fakten und Tatsachen in diesem Plan. Der Plan “Wo stehe ich? Was will ich?” ist in erster Linie eine Form, der Plan ergibt Form. Ich will Form geben, Form interessiert mich, Form geben ist meine Arbeit. Ich will mit meiner Arbeit, mit meiner Kunst, mit jeder meiner einzelnen Arbeiten und mit jeder Ausstellung zeigen, dass ich eine Position habe und dass ich einen Plan habe. Es geht darum mich als Künstler festzulegen, zu sagen, wo ich wirklich stehe, was ich wirklich will. Und es geht darum, als Künstler zu behaupten, dass es wichtig ist – sich festzulegen. Es ist mir wichtig, meine Position zu klären, sie zu behaupten und sie zu verteidigen. Dazu brauche ich Hilfe, ich brauche Werkzeuge, ich brauche zu wissen welches sind meine Einflüsse, ich brauche Ermutigung, ich brauche mir den Gefahren bewusst zu sein, ich brauche meine Probleme zu kennen und ich brauche Liebe. Die Liebe zur Kunst und die Liebe zur Philosophie. Der Plan ist der erste Schritt für einen Aufbau, für eine Konstruktion, für eine Skulptur. Der Plan ist zweidimensional, ich muss ihn in die dritte Dimension verwandeln. Alle meine Arbeiten sind Pläne oder Collagen – umgesetzt in die dritte Dimension, ich mache Collagen im Raum. Ich gehe nie vom Volumen aus, ich gehe immer von einem Plan aus – den ich in meinem Kopf habe. Der Plan, die Form sind zuerst in meinem Kopf. Mich interessiert, dass der Plan nicht linear umgesetzt werden kann und es interessiert mich, dass ich einen Plan interpretieren muss. Diese Interpretation muss eine echte, wahrhaftige, eigene Interpretation sein, sie muss von mir kommen. In der Kunst geht es darum, ein Anliegen, ein Problem, eine Mission zu haben und es geht darum in Not, mit Kopflosigkeit und in absoluter Dringlichkeit diesem Anleigen, diesem Problem oder dieser Mission eine Form zu geben. Der Plan ist eine dieser Formen, eine Behauptung, eine Herausforderung an mich selbst: ich habe einen Plan, eine Idee, ein Projekt, eine Position. Ich muss und ich will meine Position behaupten und meinen Plan verteidigen. Und es geht darum die grundsätzliche Frage an den Künstler, die grosse Frage, die einzig wichtige Frage zu stellen – und sie versuchen – in und mit meiner Arbeit zu beantworten. Diese Frage ist : Wo stehe ich ? Was will ich ? Es kann für mich nur darum gehen: Habe ich die Kraft, den Willen, die Leidenschaft und die Fähigkeiten eine Arbeit zu machen – eine Form zu behaupten, die Biss hat und die vom Betrachter soviel fordert wie ich von mir selber fordere: nämlich Alles. Das steht auf dem Plan “Wo stehe ich? Was will ich?” Ich verstehe alle Kritik daran und ich verstehe dass er Mängel und Lücken hat aber ich weiß auch: Alles darauf zählt, alles darauf ist wichtig und alles darauf ist richtig!

Sich schwächen
Ich verstehe, dass man von meinem Plan “Wo stehe ich? Was will ich?” enttäuscht sein kann. Wie oft bei meinen Arbeiten, bin ich aber der erste “enttäuschte”. Mein Problem ist jedoch nie diese Enttäuschung, mein Problem ist – immer und bei allen Arbeiten – diese Enttäuschungen auszuhalten, niemandem was vorzumachen und weiter den Mut zu haben mich zu schwächen. Ja, mich zu schwächen, indem ich zeige: „Da stehe ich! Das will ich!“. Das ist Mut, das ist Risikobereitschaft, das ist eine Behauptung. Ich halte Enttäuschung aus, denn in meiner Frage an mich: „Wo stehe ich? Was will ich?“ ist die Forderung an den Anderen: „Wo stehst du? Was willst du?“! Das ist das Politische in dieser Frage an mich: Ich richte sie an mich – zuerst – aber ich richte sie auch an den Anderen. Denn ich will wissen: Was ist Deine Form? Wie sieht Dein Plan aus? Es geht darum – als Künstler eine Vorarbeit – eine Vorgabe zu leisten, etwas zu geben, um damit den Anderen nach einer, nach seiner Gabe zu fragen, zu fordern und sie einzufordern! Das ist die Logik des Plans “Wo stehe ich? Was will ich?” Dass eine Arbeit zu Missverständnissen und Falschinterpretationen führt – ist mir immer schon – von vorne herein klar. Aber mir geht es nicht darum, Missverständnissen, Falschinterpretationen und Kritiken aus dem Weg zu gehen, ihnen ausweichen zu wollen oder sie zu vermeiden! Es geht darum sich zu schwächen und es geht darum trotz Missverständnissen und Falschinterpretationen und trotz Fehlern (meinen Fehlern) und trotz Mängeln(meinen Mängeln) eine Arbeit zu machen, in der klar wird, dass ich von meinem Eigensten ausgehe. Ich muss mit dem mir Eigenen – mit dem mir ganz Eigenen – arbeiten, um damit den Anderen implizieren zu können.

Freundschaft = Ungeteilte Verantwortung
Ich brauche Philosophie nicht zum Kunstmachen, ich brauche Philosophie nicht um meine Arbeit als Künstler zu legitimieren und ich brauche Philosophie nicht um mich zu inspirieren. Ich brauch Philosophie als Mensch, als Mann, ich brauche Philosophie in meinem Leben. Deshalb ist für mich Philosophie nur als Freundschaft denkbar, als eine zur Kunst parallele Bewegung, eine gleichgerichtete, freundschaftliche Bewegung. Ich denke, dass Philosophie – wie Kunst – die Bedingungen für eine Auseinandersetzung oder einen Dialog mit dem Anderen schaffen kann, von Eins zu Eins. So habe ich – zusammen mit Marcus Steinweg unter anderem – die “Map of Friendship between Art and Philosophy” gemacht. Wir wollen der Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie eine Form geben, wir wollen uns festlegen. Das ‘Logo’ dieses Plans ist ein Handschlag. Bei einem Handschlag schlagen zwei gleiche Hände (zwei rechte Hände) ein. Ich kann alleine keinen Handschlag machen, ich brauche die andere – die gleiche – die andere rechte Hand um einen Handschlag zu machen. Das ist das Bild – ‘Logo’ – für Freundschaft, das ist das Bild für die Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie. Es braucht beide um etwas Neues, Einmaliges – einen Handschlag – zu schaffen. Es gibt dabei kein Unten und es gibt kein Oben, es gibt kein Vorher und kein Nachher und es gibt keine reine Theorie und keine reine Praxis. Es gibt nur die Dynamik die über die Theorie und gleichzeitig über die Praxis hinausgehen will. Das zeigt der Handschlag. Er ist das Zeichen für das Einverständnis. Das ist das Zeichen, das ist unser Plan. Wir nennen diese Arbeiten nicht “Zusammenarbeit” wir nennen diese Arbeiten in ‘ungeteilter Verantwortung’ entstandene Arbeiten. ‘Ungeteilte Verantwortung’ ist, wenn jeder die ungeschränkte Verantwortung für die Arbeit des anderen übernimmt. ‘Ungeteilte Verantwortung’ ist es etwas zu verantworten, was ich nicht gemacht habe. ‘Ungeteilte Verantwortung’ ist, wenn nicht einer für einen bestimmten Bereich und der andere für einen anderen Bereich die Verantwortung übernimmt, denn wäre geteilte Verantwortung. ‘Ungeteilte Verantwortung’ ist keine Kompromisse zu machen. ‘Ungeteilte Verantwortung’ heisst in Freundschaft arbeiten.

Sinn der Freundschaft
Es macht Sinn – als Künstler – einen Philosophen als Freund zu haben. Weil ein Philosoph an den grossen Fragen interessiert ist – wie es der Künstler ist. Es macht Sinn, weil der Philosoph leidenschaftlich Philosophie betreibt – wie der Künstler leidenschaftlich seine Kunst macht. Es macht Sinn, weil der Philosoph ausdauernd und insistierend sein muss – wie es der Künstler auch sein muss. Es macht Sinn, weil der Philosoph sich mit der Realität konfrontieren muss – wie es auch der Künstler tun muss und es macht Sinn hartnäckig zu
sein als Künstler wie als Philosoph, um das Erschaffene gegen Alle und gegen Alles zu behaupten.
Die Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie basiert darauf, dass Kunst und Philosophie Behauptungen sind. Das ist das Kraftfeld und das ist die Schlagrichtung die ich mit Marcus Steinweg teile. Kunst und Philosophie als Behauptung macht Sinn. Die Kunst behauptet Form – die Philosophie behauptet Konzept. Diese Behauptung schafft Wahrheit, die Wahrheit die die Form erschafft und die Wahrheit die das Konzept erzeugt. Und es braucht Mut und Willen sich gegen den gesunden Menschenverstand durchzusetzen und eine Form oder ein Konzept zu behaupten. Die Philosophie die mich interessiert ist die reine Philosophie, die agiert und die etwas Neues schafft, so wie mich die Kunst interessiert die Aktiv ist, die behauptet und die eine neue Form schafft. Ich verstehe Kunst als Formbehauptung und als eine – für den Künstler notwendige – Auseinandersetzung mit der Form. Form im Heute und im Hier, Form im Chaos, in der Komplexität und Form in der Undurchsichtigkeit der Welt. Ich weiss was es braucht um eine künstlerische Logik zu entwickeln: Liebe, Leidenschaft, Hoffnung, Mut, Risikobereitschaft, Formwille, Widerstandsfähigkeit, Kraft zur Behauptung, Kopflosigkeit und unbedingtes Bestehen auf der Autonomie der Kunst. Und es braucht die Bereitschaft – als Erster, als Künstler für seine Arbeit, für die Kunst – zu bezahlen. Ich weiss auch, dass ein Künstler ein Krieger sein muss.

Thomas Hirschhorn, Aubervilliers, Januar 2008

Thomas Hirschhorn
“Wo stehe ich ? Was will ich”, 2007
Courtesy of the artist