Warum ist Robert Walser ein Held ?

Robert Walser ist ein Held weil er sich selbst verloren hat. Er ist der Schriftsteller des existentiellen Verlusts und der existentiellen Unsicherheit. Er hat sich mit Todesmut dem Prekären zugewandt. Er hat sich auf dem Weg der zu keinem Ziel führt – für mich – verloren. Er ist den Weg des  Unsicheren, des Nicht-Garantierten, des Fragilen, des Labilen gegangen, und er hat dem Abgründigen einen Pfad getreten. Seine Sprache ist es, die – jetzt – den Weg fürs ‚Sich-verloren-geben‘ aufzeigt. Robert Walser hat sich für mich verloren.

Robert Walser ist ein Held weil er den Preis für seine Arbeit bezahlt hat. In seiner Radikalität und Bereitschaft – in der Unfreiheit – nicht mehr zu schreiben hat er den höchstmöglichen Preis bezahlt. Er hat sich – als Autor – für mich – selbst aufgelöst. Robert Walser ist als Autor über seinem Werk – nicht etwa ‚hinter‘ seinem Werk –  bewusst verschwunden. Robert Walser, der den Preis für seine Arbeit bezahlt, ist für mich, für uns Autoren/innen, Poeten/innen, Künstler/innen, Philosophen/innen ein Beispiel.

Robert Walser ist ein Held weil er das Kleine, das Unbeachtete, das Schwache, das Unwichtige, das Unernste beschrieben hat, weil er es ernst genommen hat und sich dafür interessiert hat.  Immer wieder hat er das Licht, sein Licht  – für mich – darauf gehalten. Er hat –  mit der Beleuchtung des Unscheinbaren – auf  seiner  Absolutheit bestanden und ihr damit Wichtigkeit gegeben. Er hat dem Unbeachteten Wichtigkeit gegeben, er hat damit gezeigt, dass nichts Unwichtig ist, dass alles Wichtig sein kann, dass alles Wichtig ist.

Robert Walser ist ein Held weil er rebellisch, ja mit Fröhlichkeit, den Misserfolg angestrebt hat. Er hat sich klar gegen den – ihm nicht verwehrten oder unbekannten – Erfolg entschieden. Er hat – für mich – vorgelebt wie man widerständig im Misserfolg und widerstrebend gegenüber Erfolg arbeiten kann. Robert Walser hat mit und durch seine Ablehnung des Erfolgs die Fragen gestellt: Was bedeutet Erfolg? Was bedeutet Misserfolg? Sind wir bereit – bin ich bereit – eine Arbeit – jenseits ihres Erfolges oder Misserfolges zu beachten?

Thomas Hirschhorn, 2018