«Muerrischer Schnee»

« Muerrischer Schnee » in Lauenen ist meine erste Arbeit, in der ich Schnee als Material verwende. Ich freue mich sehr darueber, auch, weil ich in Davos, an einem Ort, in dem im Winter viel Schnee faellt, aufgewachsen bin. « Muerrischer Schnee » ist eine Skulptur aus echtem und falschen Schnee. Schnee ist ein ebenso prekaeres Material wie die anderen Materialien, mit denen ich gerne arbeite. Schnee ist ein Material wie Klebeband, Styropor, Pappe, Fotokopien oder Plastik.

« Muerrischer Schnee » ist ein kleines Dorf, entstanden aus diversen Bauten, „Hauesern“ oder „Schutzhausern“. In dieser Risikolandschaft sind diese „Haueser“ Refugien fuer die Realitaet – dies ist meine Affimartion, dies ist meine Affirmation. Es bedeutet: die Realitaet ist die Zuflucht, die Realitaet ist das Refugium! Der Schutzraum ist nicht die Flucht vor der Realitaet – im Gegenteil – der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen und sie zu konfrontieren ist das Refugium! « Muerrischer Schnee » ist ein Schutzraum fuer die Wirklichkeit, nicht vor ihr. In der Tat, der einzige Weg, die Gegenwart, in der ich lebe, zu konfrontieren, anstatt vor der Realitaet zu fliehen, ihr den Ruecken zuzukehren und zu „traeumen“, ist es, die Realitaet anzunehmen. Sie mit Entschiedenheit und Hingabe anzunehmen – und damit den Kampf in und mit unserer Welt, der einzigen und einzigartigen Welt in der ich lebe, zu akzeptieren. Ich denke, dass Kunst diesem Kampf eine Form geben kann. Das kleine Dorf, aus Schnee und im Schnee gebaut, ist emblematisch fuer das Verstaendnis davon, dass die Realitaet – heute – mit allen ihren Risiken – unsere letzte Zuflucht ist.

Schnee ist „muerrisch“ so wie er auch „froehlich“ sein kann. „Muerrisch“ heisst brummig oder auch schlecht gelaunt, verschroben oder garstig. “Muerrisch“ zu sein bezieht sich auf die Notwendigkeit, Schnee als unkontrollierbares und instabiles Material zu verstehen, als etwas, das nicht neutralisiert werden kann , etwas das die menschliche Vorstellungskraft uebersteigt, sich der Domestizierung entzieht und unrein bleibt. Es ist ein „muerrischer“ Akt, der Risikolandschaft die Form eines Schutzhauses zu geben und er soll jenseits von Glamour und Fashion vollzogen werden. Das Material „Schnee“ ist – ebenso wie viele andere Materialien, die ich fuer Skulpturen verwende – prekaer, unsicher und ohne Garantie. Ich will nicht versuchen, Schnee auf eine abgehobene Art zu dominieren oder zu manipulieren, fuer mich ist Schnee das Material des Widerstands schlechthin. Schnee widersteht der Versuchung, der Realitaet zu entfliehen, indem er „muerrisch“ bleibt. « Muerrischer Schnee » widersetzt sich der Vorstellung von Schnee als Spassunterlage und Spielwiese fuer die Privilegierten.

« Muerrischer Schnee » wurde an einem offen zugaenglichen, unspektakulaeren Ort realisiert. Der Ort „Moos“ in Lauenen ist ein universeller, inklusiver Ort. Ein Ort, der nicht-exklusives Publikum erreichen will – selbst wenn die Region an sich exklusiv und selektiv sein kann. Ich moechte meine eigene universelle Vision von Schnee, die ich aus meinem Heimatort Davos und aus meiner Zeit als Kuenstler mitbringe, weitertragen.

Thomas Hirschhorn, Januar 2014