Interview with Alice Henkes, Artmapp, 01-2018

 

Thomas Hirschhorn, Sie wollen auf dem Bahnhofsplatz in Biel eine „Robert-Walser-Sculpture“ aufbauen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die “Robert Walser-Sculpture” soll meinem Verständnis von Skulptur im öffentlichen Raum – Heute – eine Form geben. Diese Skulptur soll ein Ereignis sein, das Begegnungen ermöglicht, ein solches Ereignis ist aber nicht zu beschreiben, da ein wirkliches Ereignis nicht zu planen ist. Was ich kann und muss ist, die Konditionen für ein Ereignis und für Begegnungen zu schaffen. Da liegt meine Mission.

 

Können Sie Beispiele geben, was für Komponenten zu dieser „Robert-Walser-Sculpture“ gehören werden?

Zur “Robert Walser-Sculpture” gehört ein Bündel von ‘Präsenz und Produktion’-Elementen, so eine Tageszeitung, ein TV-Studio, eine Bar von ‘Ditsch’, eine Cantina, die 12-stündigen “Lecture Convaincante”, die 2-stündigen und die 5-stündigen täglichen Spaziergänge, zwei Poesie-Residenzen, tägliche Vorträge von Robert Walser-Kennern, -Fachleuten, -Wissenschaftlern und -Forschern, tägliche Vernissagen, die Präsenz des Büros der ‘Gassenarbeit Biel’, die Präsenz des ‘Robert Walser-Zentrum’ aus Bern, die täglich erneuerte Web-Site und die Social Medias, ‘Multimondo’ mit dem täglichen Französisch- und Deutsch-Kurs, die Präsenz von ‘l’apport du Monde Arabe’, das tägliche Programm der ‘Volkshochschule’ und des ‘Oberstufenzentrums Mett/Bözingen’ im ‘Klassenzimmer’, der Beitrag der Studierenden am Französischen Gymnasium, der Künstler Parzival mit einem Esperanto-Kurs, der Raum mit den Gegenüberstellungen von Textauschnitten von Robert Walser und Lady Xena, die Mansarde des ‘Blauen Kreuzes’, die Ausstellung Robert Walser und Karl Walser mit der ‘sich kreuzenden Erfolgskurve’, der ‘Workshop-Raum’, der tägliche Workshop: “Energie = Ja. Qualität = Nein.”, die Bibliothek mit der Druckmaschine von Mirjam Kuhn, das Archiv und der Büchershop, das ‘Forum’ mit geplanten oder spontanen Lesungen, die sich entwickelnde Video-Arbeit “die Welt in Biel” von Enrique Munoz-Garcia, die täglichen Vorträge der ‘Stadthistorikerin’ Margrit Wick, das tägliche Robert Walser-Theaterstück, das Kinderprogramm mit dem integrierten ‘Ferienpass’, die Präsenz der Schlangenbeschwörerin, die Ausstellung der “Solothurner Briefe” von Robert Walser, die Präsenz des ‘Jokers’ Marcus Kocher und – wer weiss – vielleicht auch die tägliche Präsenz der Gewerkschaft ‘Unia’ aus Biel.

 

Die „Robert-Walser-Sculpture“ ist nicht das eigentliche Projekt, sondern eher so etwas wie ein Rahmen, eine Bühne. Was geschieht auf / in / mit der „Robert-Walser-Sculpture“?

Nein, die “Robert Walser-Sculpture” ist das Projekt und sie ist die Form! Nur beschränkt sich für mich eine Skulptur im öffentlichen Raum nicht auf ein Objekt, sondern es geht darum, dass die Skulptur impliziert. Es geht darum, dass meine Arbeit den Kontakt sucht, direkt von Eins zu Eins. Auch wenn die “Robert Walser-Sculpture” auch ein Objekt ist – ein Stadium, eine Baumhütte, eine Wagenburg, eine Arche Noah, ein Ufo – so ist das nur ein Teil der Form. Die Form der Skulptur ist erst dann vollständig, wenn sie – durch den Kontakt, die Auseinandersetzung, den Dialog, den sie schöpfen will – etwas produziert. Es geht darum, dass sich der heutige Skulpturbegriff, vom passiven ‘Objekt-sein’ zur aktiven und pro-aktiven Skulptur wandelt. Ich will eine Skulptur machen, die sich jeden Moment neu erfindet, neu denkt, neu schöpft. Deshalb ist die “Robert Walser-Sculpture” eine Batterie die sich, ohne Unterbruch, neu auflädt.

Wird es auch Projekte / Aktivitäten abseits des Bahnhofs geben?

Alle Produktionen gehen von der “Robert Walser-Sculpture” am Bahnhofplatz aus, das ist die Logik die-ser Skulptur. Auch die täglichen Spaziergänge, der 2-stündige und der 5-stündige Spaziergang gehen von einem Treffpunkt an der “Robert Walser-Sculpture” aus. Nur geht es dann in die Stadt oder aufs Umland hinaus. Es kann auch sein, dass sich etwas in und mit der “Robert Walser-Sculpture” entwickelt was sich dann in die Stadt hinein streut oder sprengt oder dass sich etwas vom Bahnhofplatz aus in die Stadt oder weiter herum verplanzt. Der Ausgangspunkt ist die “Robert Walser-Sculpture”, denn von daher – von der Erinnerung an Robert Walser und sein Werk – kommt die Energie, der Drive und die Dynamik. Diese Dynamik zielt in die Stadt, ins Land, in die Welt hinaus.

 

Warum beziehen Sie sich mit ihrem Projekt für die Schweizerische Plastikausstellung in Biel auf Robert Walser? Was verbindet Sie mit Robert Walser?

Ich liebe seine Arbeit und sein Leben. Ich bin ein Fan von Robert Walser. Ich liebe ihn seit ich mein erstes Buch – spät – in Paris, mit 25 Jahren gelesen habe. Sofort habe ich erkannt, ich bin ich ein Teil der ‘Geschwister Tanner’. Um meiner Admiration von Robert Walser Form zu geben, habe ich immer wieder – über die Jahre – Referenzen zum Werk und Leben von Robert Walser in meiner Arbeit integriert. Schon immer wollte ich eine grosse Arbeit nur für ihn und nur zu seinem Andenken machen, dass ich das jetzt in Biel – in seiner Geburtsstadt – im öffentlichen Raum machen kann ist wundervoll, es ist ein Glücksfall.

 

Warum der Bahnhof? Was verbinden Sie mit dem Bahnhof als ort, was Robert Walser?

Alles spricht für den Bahnhofplatz: Jede und jeder kennt den Ort und sehr viele Bielerinnen und Bieler überqueren diesen Platz – manchmal täglich. Er ist der Ort in Biel der die Stadt mit der übrigen Schweiz, mit der Welt verbindet, es ist ein demokratischer Ort. Der Bahnhofplatz in Biel verköpert den öffentlichen Raum perfekt. Ein Durchgangsort für viele – ein Aufenthaltsort für Einige, es gibt keinen öffentlicheren Raum. Robert Walser hat Bahnhofssituationen öfters beschrieben, so auch wie ein junger Mann – er selber – aus Berlin, der Grossstadt – vom Bahnhof kommend – in seine Geburtstadt hineinschreitet. Dazu kommt, dass sich auf der anderen Seite des Bahnhofs der “Robert Walser-Platz” befindet und mit der “Robert Walser-Sculpture” auf dem Bahnhofplatz werden so die Benutzerinnen und Benutzer des Bahnhofs während dem Sommer 2018 von Robert Walser umklammert. Schliesslich steht die Skulptur ‘Vertschaupet’ von Schang Hutter – die 1980 Teil der Schweizerischen Skulpturenausstellung – war auf dem Bahnhofplatz und ich will, “Vertschaupet” zum Eckstein der “Robert Walser-Sculpture” machen. So verbindet sich konkret auch meine Arbeit mit der reichen  Geschichte der Schweizer Skulpturenausstellung in Biel. Schang Hutter ist damit einverstanden.

 

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich eingehend mit einem Autor befassen. 2013 haben Sie in der Bronx das Gramsci Monument realisiert, das sich auf den italienischen Philosophen Antonio Gramsci beruft. Was interessiert Sie an diesen Auseinandersetzungen mit Dichtern und Denkern?

 

 

 

Ich denke, dass neben Künstlerinnen und Künstlern, es Poetinnen/en, Schriftsteller/innen und Philosphen/innen sind die die Welt verändert haben. Ich denke an Hannah Arendt, Hannah Höch, an Gilles Deleuze, an Georges Bataille und an Friederich Nietzsche. Sie haben – durch ihre Arbeit – die Welt und die Sicht auf die Welt verändert, das will ich zeigen. Ein Fan zu sein von Robert Walser, von Antonio Gramsci, von Meret Oppenheim oder von Ingeborg Bachmann, erlaubt mir die Aesthetik eines Fans anzuwenden und es ermöglicht mir, dank dieser Fan-Aesthetik, mein Fan-Sein mit allen möglichen anderen Fans zu verbinden. Das Partikulare vereinigt sich im Universellen. Das Universelle ist, dass ein Fan leidenschaftlich ‘Fan’ ist und dass er oder sie – absolut Partikular – alle anderen Realitäten hinter das Fan-Sein stellt. Das eröffnet neue partikulare und gleichzeitig universelle Formen. So eine Form ist auch die  “Robert Walser-Sculpture”, sie muss deshalb genügend Türen, Fenster, Öffnungen oder Löcher in die Realität schneiden, damit sich jeder Fan mit ihr implizieren kann.

 

Die „Robert-Walser-Sculpture“ lässt sich auch in anderer Hinsicht mit dem Gramsci Monument vergleichen: In Biel ebenso wie in der Bronx arbeiten Sie mit Menschen aus der Bevölkerung zusammen. Mit Menschen, die explizit nicht aus dem Kulturkontext kommen. Was ist die Idee dahinter?

Es geht darum mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu arbeiten, weil ich ein Monument oder eine Skulptur da aufbauen will wo Menschen wohnen und nicht in einem Park oder in einem Skulptur-Garten. In der Bronx beim “Gramsci Monument” waren das die Bewohnerinnen und Bewohner der Sozialsiedlung ‘Forest Houses’, in Biel für die “Robert Walser-Sculpture’ sind dies die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Biel. Diese Form ist einfach und komplex, denn um möglichst eine grosse lokale Implikation von Bewohnerinnen und Bewohnern zu erreichen, liegt es auf der Hand mit ihnen zu arbeiten, es ist aber auch eine Herausforderung. Es macht Spass mit den potentiel direkt Beteiligten – den Bewohnern – zu arbeiten, da die Mitarbeitenden auch gleichzeit mögliche Besucher/innen der Skulptur sind, das macht die Arbeit komplexer. Schön ist dabei zu hören: ‘Ich bin eine Bielerin/ich bin ein Bieler – ich will mitarbeiten! Schön ist auch – hier in Biel – dass die Zweisprachigkeit durch die Beteiligten Bewohnerinnen organisch entsteht. Mit Bewohnerinnen und Bewohnern zu arbeiten drängt das sterile und langweilige ‘Kultur-Spezialisten Denken’ zurück. Es macht weiterhin Sinn mit Bewohner/innen zu arbeiten weil damit das Risikodes Gelingens oder Nicht-Gelingens der “Robert Walser-Sculptur” greifbarer, grösser und konsequenter sein wird.

 

Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Es ist Co-Operation basiert auf Co-Existenz. Ich will mit Bewohnerinnen und Bewohnern arbeiten die mich an ihrer Seite Co-Existieren lassen. Das ist der entscheidende Begriff: Du lässt mich meine Sache machen, ich lasse Dich Deine Sache machen – damit co-existiere ich neben Dir. Dazu gibt es – den von mir erfundenen Begriff der ‘Ungeteilten Verantwortung’ – im Gegensatz zur sogenannten ‘geteilten Verantwortung’. ‘Ungeteilte Verantwortung’ ist, wenn ich einerseits und der mit mir co-operierende, andererseits, die Verantwortung zu 100 Prozent übernehmen. So teilen oder reduzieren wir unsere 100 Prozentige Verantwortung nicht zweimal in 50 Prozent sondern wir multiplizieren oder addieren zweimal unsere 100 Prozentige Verantwortung in 200 Prozent und dann in immer mehr Prozente, das macht den Unterschied aus.

Der „Robert-Walser-Sculpture“ auf dem Bahnhofplatz geht eine Serie von Fieldworks voran. Was bedeutet das?

“Fieldwork” heisst Feldarbeit. Eine ausgeweitete ‘Fieldwork’ zu machen, ist entscheidend und notwendig bei Projekten im öffentlichen Raum, denn es geht darum den öffentlichen Raum und die die mit ihm in Kontakt sind kennenzulernen. Der Kontakt mit den Akteuren der Stadt zu suchen ist grundlegend, es geht darum an der Frontlinie sein. Es geht darum ‘auf dem zu Feld’ zu sein, in einer gewissen Unstabilität, im Ungewissen, in einer prekären Lage. Nur wenn ich eine seriöse ‘Fieldwork’ gemacht habe, habe ich mit meiner Arbeit eine Chance Jemanden zu implizieren. Hier in Biel habe ich insgesamt 7 ‘Fieldworks’, das sind 7 mehrtägige Aufenthalte in der Stadt mit Treffen und Diskussionen mit Bewohnerinnen und Bewohnern über insgesamt eineinhalb Jahre gemacht. Auf die Frage: ‘Künstler/in mit einem Projekt im öffentlichen Raum, hast Du Deine “Fieldwork” gemacht?’  will ich antworten können: ‘Ja’.

 

Sie haben den Ausdruck „Nicht exklusives Publikum“ geprägt. Wer ist damit gemeint?

Das ‘Nicht Exklusive Publikum’ ist ‘der/die Andere’. Es ist das Publikum das ich nicht kenne, es ist das Pulikum das mir fremd ist, es ist das Publikum, das sich nicht für Kunst interessiert, es ist das Publikum das andere Probleme hat als Kunst und es ist das Publikum das ich jeden Tag auf der Strasse – nicht im Museum – treffe. Ich will auch für dieses Publikum arbeiten und wichtig ist dabei, dass ich meine Arbeit in die Richtung diese Publikums werfe. Es ist ebenfalls wichtig, dass ich meine Arbeit nicht in die Richtung des ‘Spektrums der Abwägenden’ – das sind die Kunstliebhaber, die Kunstkenner und die mit Kunst Arbeitenden – richte. Deshalb ist das ‘Nicht Exklusive-Publikum’ eine Utopie, eine Energie, eine Dynamik und immer eine Bewegung. Es ist der Wille niemanden von meiner Arbeit auszuschliessen – ich will einschliessen mit meiner Arbeit. Ich will niemanden auschliessen, auch nicht die vom ‘Spektrum der Abwägenden’, denn sie sind ohnehin eingeschlossen, weil ich Kunst mache – aber Kunst darf sich nie an ein exklusives oder VIP-Publikum richten. Kunst kann, muss und will – immer – einschliessen.

 

Die Menschen aus Biel, mit denen Sie zusammenarbeiten, sind die auch Teil dieser nicht exklusiven Öffentlichkeit?

Den Begriff ‘Nicht-Exklusives Publikum’ habe ich erfunden um mir selber immer gewahr zu sein, für wen ich arbeiten will, wen ich implizieren will und wenn ich nie – mit und durch meine Arbeit – ausschliessen will. Es geht mit dem ‘Nicht-Exklusiven Publikum’ um die Dynamik, die Schlagrichtung und die Logik meiner Arbeit, deshalb gibt es dazu ein Diagram. Das Diagram ‘Nicht-Exklusive Publikum’  hilft mir nicht in die Falle zu treten, die sich dem/der Künstler/in anbietet: Exklusivität, Glamour, Fashion oder auch nur noch für das Kunstpublikum, nur noch für ein Vor-Informiertes und damit nur noch für ein absolut exklusives Publikum zu arbeiten und – noch schlimmer – sogar mit dieser Exklusivität zu operieren (VIP-Previews usw).

 

 

 

 

Die Schweizerische Plastikausstellung wurde 1954 gegründet mit dem Ziel, das plastische künstlerische Schaffen in der Schweiz abzubilden. In unregelmässigen Zeitabständen fanden bis heute ein Dutzend Plastikausstellungen statt. Sie wählen mit der „Robert-Walser-Sculpture“ eine temporäre Form der Skulptur, weshalb?

Ich habe insgesamt 70 Arbeiten im öffentlichen Raum gemacht. Alle waren temporäre, zeitlich begrenzte, prekäre Kunstwerke. Weil ich überzeugt bin, dass es gerade die ‘Nicht-Permanenz’ ist, die dem Kunstwerk ‘Dauer’ verschafft. Ich wollte immer eine Arbeit machen die nicht durch seine Materialwahl (Stahl, Beton, Bronze usw) ‘dauert’ sondern ich will eine Arbeit machen, die die durch die Konsequenzen des Durchbruchs, die sie schafft andauert. Auch die “Robert Walser-Sculpture” soll einen Durchbruch schaffen, einen Durchbruch in das Verständnis von Skulptur im öffentlichen Raum und einen Durchbruch in das Andenken an Robert Walser.  Der Gedanke an das Objekt, das ja in den allermeisten Fällen auch nicht dauert, steht doch die Welt voll von Monument-Ruinen und Skulptur-Friedhöfen – macht keinen Sinn mehr. Es macht umso weniger Sinn, da sich im öffentlichen Raum ganz neue Dimensionen eröffnen. Ich denke, da hat die ‘Schweizer Plastikausstellung’ grossartige Vorarbeit geleistet, weil hier Biel – schon lange und immer wieder – Nicht-Permanente Kunstwerke ausgestellt wurden. Nicht-Permanenz schöpft Dringlichkeit und Notwendigkeit. Die Logik des Prekären ist deshalb das Leben, das Überleben.

 

Was wird von der „Robert-Walser-Sculpture“ bleiben? Soll etwas bleiben?

Das Problem – und die Falle – der Frage: “Was bleibt?” ist, dass diese Frage fast immer an ein Objekt gebunden ist. Die Frage nach dem Bleibenden ist somit ausschliesslich an ein Objekt gebunden – denn: Kann man von einer Eisenplastik, einer Bronze- oder Betonskulptur sagen, was bleibt? ausser seinem Objekt? Es geht mit der “Robert Walser-Sculpture” darum was kommt und nicht was bleibt. Ich will und muss in anderen Dimensionen arbeiten und denken. Ich will, das sind meine Ziele, Begegnungen ermöglichen, ich will Robert Walser neu denken und ich will ein Ereignis erschaffen. Das sind meine Ziele, dafür versuche ich einen neuen Begriff der Skulptur im öffentlichen Raum zu schaffen – dieser Begriff löst sich deshalb vom Objekt – das ‘bleibt’, mindestens ist das Objekt nicht mehr das Zentrale – oder eben das Bleibende in diesem neuen Verständnis. Vielmehr geht es darum im Moment, im ‘Hier’, im ‘Jetzt’ eine Intensität, eine Geladenheit und eine Dichte aufzubauen – jeden Augenblick neu – zu schöpfen, damit das im ‘Hier’ und im ‘Jetzt’ Erlebte so nachhaltig wird um alles zu überdauern. Die Erinnerung an eine Begegnung, eine Produktion, ein Gespräch ist das Kommende! Die Konditionen dafür zu schaffen, ist mein Problem, meine Mission, meine Aufgabe. Ein Ereignis ist nur dann ein wirkliches Ereignis – und das interessiert mich – wenn das Erlebte – das was ‘bleibt’ und dauert – umgewandelt wird. Das Erlebte wird damit zum Kommenden, es wird etwas was uns verwandelt, was uns ändert, was uns etwas Anderes denken und etwas Anderes machen lässt.

 

Bereits bei der letzten Plastikausstellung 2014 hat das Kuratorenduo Gianni Jetzer und Chris Sharp mit einem Performance-Programm gearbeitet, um der Frage nachzugehen, wie frei oder unfrei Menschen sich im urbanen öffentlichen Raum bewegen können. Das ist eine Frage, die Sie mit der „Robert-Walser-Sculpture“ ebenfalls untersuchen wollen?

Ja, der öffentliche Raum als Kontakt- und Konfliktzone interessiert mich. So ist es immer eine Herausforderung, ja – eine Überforderung – im öffentlichen Raum zu arbeiten. Es geht darum, den öffentlichen Raum gegen die zunehmende Privatisierung und Still- und Ruhelegung zu verteidigen. Es ist dringend, dass das Ur-Demokratische des öffentlichen Raumes – dass er Niemandem sondern der gesamten Öffentlichkeit gehört – bewahrt bleibt. Mit allen seinen Risiken, Problemen und Grenzüberschreitungen muss gerade die Künstlerin/der Künstler sich – mit seiner/ihrer Arbeit – für den Erhalt des öffentlichen Raums einsetzen. Es geht darum, im öffentlichen Raum für das Mögliche, für das Kommende, für das Unvorhergesehene, für das Wundervolle, für das Prekäre, für das Unerhoffte wach und sensibel zu sein. Kunst im öffentlichen Raum zu machen ist nicht nur ein komplexes Unternehmen das immer mit vielen Risiken verbunden ist, es macht auch immer viel Spass. Kunst im öffentlichen Raum ist nie ein kompletter Erfolg aber auch nie en totaler Misserfolg.