«Hannah Arendt-Map»

Die Arbeit «Hanna Arendt-Map» ist aus dem Jahr 2003. Es ist eine Arbeit die ich zusammen mit dem Philosophen Marcus Steinweg machte, wie auch die im gleichen Jahr entstandene „Nietzsche-Map“ und dann, ein Jahr später die „Foucault-Map“. Aus dem Jahr 2002 ist die erste meiner Arbeiten aus dieser Serie, der „Plan-Moi“.

Die „Hannah Arendt-Map“ ist ein Plan um mich zurechtzufinden im Werk von Hannah Arendt. Der Plan zeigt die Kraftlinien, die Einflüsse und die Dynamik der Philosophie von Hannah Arendt. Auf diesem Plan ist die Position Hannah Arendt’s Philosphie inmitten der Galaxie der Philosophie aufgezeichnet. Die „Hannah Arendt-Map“ ist eine Hommage an die Philosophin. Um einen Plan zu machen, muss ich ihre Philosophie nicht verstehen – denn ich brauche Philosophie die ich nicht verstehe. Ich muss auch kein Hannah Arendt-Kenner sein, was ich will ist : ihre Philosophie als Kunstwerk erfassen. Ich kann mich dem Werk Hannah Arendt’s nähern, es berühren, mich damit auseinandersetzen, ich will und ich kann es begreifen – wie ein Kunstwerk.

Die „Hannah Arendt-Map“ ist ein Plan, ganz allgemein geht es darum einen Plan zu haben. Ich mache einen Plan, wenn ich mich erinnern will, um den Weg zu finden, um ihn jemandem zu erklären oder um mich einer Position bewusst zu werden. Die „Hannah Arendt-Map“ ist mein Plan. Die „Hannah Arendt-Map“ ist kein historisches und kein wissenschaftliches Dokument und es geht nicht um Fakten und Tatsachen in diesem Plan. Die Arbeit „Hannah Arendt-Map“ ist in erster Linie eine Form. Ich will Form geben, Form interessiert mich, Form geben ist meine Arbeit. Ich will mit meiner Arbeit, mit meiner Kunst, mit jeder meiner einzelnen Arbeiten und mit jeder Ausstellung zeigen, dass ich eine Position habe und dass ich einen Plan habe.

Der Plan ist der erste Schritt für einen Aufbau, für eine Konstruktion, für eine Skulptur. Der Plan ist zweidimensional, ich muss ihn in die dritte Dimension verwandeln. Alle meine Arbeiten sind Pläne oder Collagen – umgesetzt in die dritte Dimension, ich mache Collagen im Raum. Ich gehe nie vom Volumen aus, ich gehe immer von einem Plan aus – den ich in meinem Kopf habe. Mich interessiert, dass der Plan nicht linear umgesetzt werden kann und es interessiert mich, dass ich einen Plan interpretieren muss. Diese Interpretation muss eine echte, wahrhaftige, eigene Interpretation sein, sie muss von mir kommen. Ich muss mit dem mir Eigenen arbeiten. In der Kunst geht es darum, ein Anliegen, ein Problem, eine Mission zu haben und es geht darum in Not, mit Kopflosigkeit und in absoluter Dringlichkeit diesem Anleigen, diesem Problem oder dieser Mission eine Form zu geben. Der Plan ist eine dieser Formen, eine Behauptung, eine Forderung an den Anderen und auch eine Herausforderung an mich selbst : ich habe einen Plan, eine Idee, ein Projekt, eine Position. Ich muss und ich will meine Position behaupten und meinen Plan verteidigen. Und es geht darum die grundsätzliche Frage an den Künstler, die grosse Frage, die einzige Frage zu stellen – und sie versuchen – in und mit meiner Arbeit zu beantworten. Diese Frage ist : Wo stehe ich ? Was ist meine Position ? Was will ich ?

Die „Hanna Arendt-Map“ ist eine Hommage an die Freundschaft, an die Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie. Die Freundschaft zwischen Kunst und Philosophie basiert auf der Behauptung, dass Philosophie Kunst ist. Das ist eine Behauptung die ich mit Marcus Steinweg teile : Philosophie ist Kunst ! Die Kunst erschafft eine Form – die Philosophie erschafft ein Konzept. Als Künstler verstehe ich die Leidenschaft die ein Philosoph oder eine Philosophin braucht, um seine oder ihre Arbeit zu machen und ich liebe die Hartnäckigkeit die er oder sie braucht, um das Erschaffene gegen Alle und gegen Alles zu behaupten. Es braucht Mut und Willen sich gegen den gesunden Menschenverstand durchzusetzen und eine Form oder ein Konzept zu behaupten. Und ich denke, dass Philosophie – wie Kunst – die Bedingungen für eine Auseinandersetzung herstellen kann, direkt mit dem Anderen, von eins zu eins. Die Philosophie die mich interessiert ist die reine Philosophie, die agiert und die etwas Neues schafft. Ich brauche Philosophie nicht für meine Kunst, ich brauche Philosophie nicht als Künstler, ich brauche Philosophie als Mann, als Mensch und ich brauche Philosophie zum Leben.

Thomas Hirschhorn, Aubervilliers, Juni 2006