“Blaue Tombola”

Die arbeit “Blaue Tombola” kommt aus der zeit (1994) wo ich mir die frage stellte : wie meine arbeit zeigen ? wie meine arbeit ausstellen ? was damit nun machen ? mit der arbeit “Blaue Tombola” versuchte ich eine möglichkeit zu finden, viele arbeiten, viele kleinere zum teil sehr kleine arbeiten – die unabhängig voneinander, über mehrere jahre entstanden sind und autonom bleiben sollten (und die sich bei mir anhäuften) – in eine grössere form zu fassen ohne ihre autonomie als einzelne kunstwerk in frage zu stellen,

ich ging immer von den einzelnen arbeiten (collagen) auf holz, papier, karton aus, diese einzelnen arbeiten waren für sich beendet und sollten sich als kunstwerke beweisen müssen, trotzdem war ich unzufrieden mit den bisherigen ausstellungen meiner arbei, denn ich wusste nicht wie diese arbeiten nun ausstellen, einzeln an die wand hängen ? zu gruppen zusammenfassen ? oder zusammen auf den boden legen ?

ich wollte und musste präsentations-möglichkeiten finden, die einerseits meine einzelnen arbeiten unverändert liessen, die aber auch andererseits meiner arbeit mehr grösse geben sollten, mehr gewicht geben sollten, die mehr behaupten sollten und die ich mehr sagen sollten,

die form einer ‘tombola’ (wie die formen ‘lay-out’, ‘saisie’ oder später ‘buffet’) ist ein solches ‘hilfsmittel” mit einem zusätzlichem sinn – ein hilfmittel zum ‘mehr’, der zusätzliche sinn bei der “Blauen Tombola” ist, einzelne arbeiten die keinen bezug zueinander haben und die nicht zeitgleich entstanden sind, zusammen auszustellen ohne sie zu hierarchisieren, ohne sie zu werten und ohne sie chronologisch oder anderweitig zu ordnen, die form einer ‘tombola’ schient mir deshalb geeignet, da auf einer tombola dinge die nichts miteinander zu tun haben und die unterschiedlich wertvoll sind, zusammen präsentiert werden, denn das glück soll entscheiden welches los oder welche nummer gezogen wird und damit welches objekt dafür erhalten wird, so sind denn auch die einzelnen objekte auf einer ‘tombola’ zufällig nebeneinander präsentiert,

alle arbeiten der “Blauen Tombola” sind denn auch – ohne plan (immer unterschiedlich) – nebeneinander auf das blaue tuch gelegt oder an die – mit blauem tuch bespannte wand gelehnt – ohne sich gegenseitig zu berühren, die einzelnen arbeiten werden so zu ‘elementen’ einer neuen arbeit – der arbeit “Blaue Tombola”,

die farbe ‘blau’ des stoffes war ebenfalls zufall und es war nur zur äusseren unterscheidung wichtig, dass der stoff blau war, da ich ein paar monate früher eine “Rosa Tombola” gemacht habe, aber die “Rosa Tombola” unterscheidet sich von der “Blauen Tombola” in zwei aspekten ; einerseits hängt das rosa tuch bei der “Rosa Tombola” vorne nicht bis zum boden sondern bedeckt nur den tisch – bei der “Blauen Tombola” hängt das tuch (die verschiedenen tücher) bis zum boden, andererseits sind die ausgelegten und aufgestellten arbeiten bei der “Rosa Tombola” bestandteile einer einzigen serie, der serie “Moins” (von 1993/1994) – bei der “Blauen Tombola” hingegen sind die ausgelegten und aufgestellten arbeiten bestandteile von verschiedenen serien, so zum beispiel hat arbeiten aus den serien der “Moins”,”Les plaintifs, les bêtes, les politiques”, “Cadres”, “Lignes, “Arme Kunst”, “Gribouillages”, “Coins” usw., (arbeiten von 1988 bis 1994),

mit dem resultat der arbeit “Blauen Tombola” habe ich festgestellt wie sich die ‘leserichtung’ der einzelnen arbeiten zwangsweise veränderte, denn die einzelnen arbeit (die zum teil – was die älteren betrifft – eine ‘leserichtung’ hatten) stehen nun ‘auf dem kopf’ (wenn sie an der wand lehnen), sie werden aber auch ‘seitlich verkehrt’ präsentiert (wenn sie auf dem tisch liegen) –

somit ist die “Blaue Tobola” eine der ersten arbeiten die durch die horizontale präsentationsweise (auf dem tisch ausgelegt) und gleichzeitig das vertikale ausstellen (an die wand gelehnt) einen schritt auf arbeiten in der dritten dimension, es war für mich ein schritt auf arbeiten im raum – ohne vom gedanken des volumen auszugehen,

ausgestellt in :

– Europa ’94, Munich, 1994
– “Anschool”, Bonnefantenmuseum Maastricht, 2005
– “Anschool II”, Museu Serralves, Porto, 2005/2006

Thomas Hirschhorn, Februar 2006